Heute am Feiertag war ich wandern an der Innleite in der Nähe von Mühldorf. Ich war zunächst total überrascht und überwältigt davon, wie WILD und URSPRÜNGLICH schön die Natur hier ist. Umgefallene vermooste Bäume. Saftiges Grün, dazu plätscherten von überall her kleine Wasserläufe und Rinnsale. Es waren nicht besonders viele Wanderer unterwegs. Hier und da überholten mich ein paar Radfahrer von hinten und grüßten freundlich, wenn ich den Weg freigab.

Überall plätschern kleine Wasserläufe den Hang herab.
Ich liebe Schachtelhalme. Die haben so etwas Urzeitliches. An einer Stelle wuchsen sie wie wild.
Das frische Mai-Grün in allen Schattierungen. Wohltuend.
Noch mehr junges Grün und Wildwuchs. Und immer noch plätschert und rinnt es von allen Seiten.
Ein verschlungnender schmaler Pfad führt oberhalb am Hang der Inn (oder des Inn?) entlang. Gender-Verwirrung.
Nochmal Wasser. Nur wesentlich mehr H20 Moleküle davon auf einmal

Jetzt zum abschließenden Highlight der Tour: Die Begegnung mit einer Schwebfliege. Auf dem Weg am viele-H20 Moleküle-Ballungsobjekt entlang, schaue ich zu Boden und entdecke dort ein kleines gelbliches Insekt im Schlamm liegen. Es zappelt und ich halte es zuerst für einen auf den Rücken gefallenen Käfer. Da ich dank Gregor Samsas Erfahrungsbericht weiß, wie qualvoll es ist, als auf dem Rücken gelandet zu sein, die zappelnden Beinchen hilflos in die Luft gestreckt, will ich helfen. Da bemerke ich, es ist kein Käfer, sondern eine Schwebfliege – und ihr fehlt ein Flügel.

Kurzerhand reiche ich ihr meinen Zeigefinger. Sie steigt auf und ich nehme sie ein Stückchen des Weges mit. Mir kommt die Idee, sie auf einer Blume abzusetzen. Selbst hinauf fliegen kann sie ja nicht mehr. Ich halte sie neben eine Butterblumenblüte links am Wegrand. Sie krabbelt etwas zögerlich auf das Hahnenfussgewächs aus der Famlilie der Ranunculaceae, kümmert allerdings weniger um die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung des neuen Terrains und tastet stattdessen eifrig mit ihrem Rüssel die Blütenblätter ab. Doch dann macht sie eine ungeschickte Bewegung und fällt auf den Boden. Ich hebe sie auf und setze sie wieder auf die Blüte, wo sie mit ihrer Rüssellei fortfährt. Das geht eine Weile so und ich beobachte sie. Als ich den Eindruck habe, dass sie fertig ist, biete ich ihr meinen Finger zum Geleit. Sie steigt auf und weiter gehts gemeinsam des Weges.

Meine kleine Wegbegleiterin.

Ein pinke Blüte wär als Nächstes doch fein, denke ich mir. Die Schwebfliege, so schließe ich aus ihrem Verhalten, hat sich inzwischen an das große blaue Transportmittel namens North Face, als das ich ihr vorkommen muss, gewöhnt. Sie fängt an, sich zu putzen und ich deute das als Zeichen, dass sie sich zumindest nicht total unwohl fühlt. Ich mich übrigens auch nicht. Die pinke Blüte allerdings, an der ich sie absetzen will, verschmäht sie. Sie steigt nicht von meiner Hand. Stattdessen ist es erneut eine Butterblume, auf der sie sich niederlässt und rüsselt. Ich halte währenddessen meine Hände schützend unter die Blüte falls sie nochmal abrutschen sollte und fühle mich sehr wach.

In diesem Moment steigt in mir eine Frage auf. Was mach ich denn jetzt mit ihr? Sie kann ja offenbar nicht mehr fliegen. Soll ich sie mit nach Hause nehmen, ich könnte sie auf meinen Balkonkasten setzen, und dann? Kann sie denn hier draußen so verstümmelt überleben? Wird sie bald sterben? Hat sie Schmerzen? Ich fühle mich verantwortlich.

Was mach ich denn jetzt bloß mit ihr?

Ich halte ihr meinen Finger erneut hin und wie zuvor steigt sie auf und wir treten gemeinsam den Rückweg an. Immer noch überlege ich, ob ich sie mitnehmen soll… ja aber was dann? Eher um Zeit zu gewinnen, setze ich sie ein drittes Mal auf einer Butterblume ab.

Jeder der ein klein wenig märchenbewandert ist, weiß, dass bei der Zahl 3 oder spätestens bei der 7 eine Wendung eintritt. Das sind die magischen Zahlen. Ich halte dieses dritte Mal nicht meine Hand unter die Blüte. Plötzlich macht sie eine neue Bewegung, beginnt ihre Flügel anzuwerfen, versucht zu fliegen – doch mit nur einem Flügel verliert sie das Gleichgewicht, sie taumelt und fällt herab. Doch diesmal landet sie nicht am Boden. Auf halber Höhe gelingt es ihr, sich zu fangen. Sie erwischt einen Grashalm und bleibt dort sitzen. Ich blicke sie an und denke nach. Ich halte ihr meinen Finger hin, sie macht keine Anstalten aufzusteigen. Mehrere Versuche. Nichts. Da begreife ich, dass es gut ist, dass hier unser gemeinsamer Weg zu Ende ist. Sie will dort sitzen bleiben und das scheint auch mir stimmig.

Ein letztes Mal halte ich ihr meinen Zeigefinger hin, diesmal aber ohne die Erwartung, dass sie hinauf steigen wird. Stattdessen streckt sie ihr rechtes Vorderbeinchen aus und berührt kurz meine Fingerspitze, um es nicht sofort aber dann doch gleich wieder zurückzuziehen. Es fühlt sich an wie ein winziges High Five.