Ich finde es in dieser spannungsreichen Zeit wichtiger denn je, das Positive, oder sagen wir lieber das Aufbauende zu stärken. Sozusagen jener dunklen Negativitätswolke, die uns seit eineinhalb Jahren umhüllt, etwas entgegen zu setzen. Dabei geht es mir nicht darum, gegen das was gerade ist, anzukämpfen, sondern darum, ein wenig Gewicht auf die andere Seite der Waagschale zu packen, egal wie gering dieser Beitrag sein mag. Wenn also wie aktuell Trennung, Spaltung und Mißtrauen vorherrschen, die Werte Verbindung, Wohlwollen und Nächstenliebe zu stärken. Und zwar ganz konkret, handlungsbezogen, in meinem unmittelbaren Alltag.

Eine wunderbar niederschwellige und effektive Möglichkeit, ist für mich aktuell der der „Caffè Sospeso“. Der aufgeschobene Kaffee. Heißt, ich kaufe beim Bäcker oder an der Tanke einen Kaffee oder Cappucchino, aber nicht für mich, sondern für denjenigen, der nach mir kommt und einen Kaffee oder Cappuchino zum Mitnehmen bestellt.

NEAPOLITANISCHE NÄCHSTENLIEBE

Die Idee des „Caffè Sospeso“ stammt aus Neapel und ist dort eine Tradition der Nächstenliebe gegenüber Menschen, denen es vielleicht gerade nicht so gut geht wie einem selbst. Vor über 100 Jahren etablierte sich dort in zahlreichen Bars der Brauch, zusätzlich zum eigenen Kaffee noch einen weiteren Kaffee zu bezahlen. Dieser wurde vom Barista notiert und auf Nachfrage an einen Bedürftigen ausgeschenkt. Der italienische Schriftsteller und Philosoph Luciano De Crescenzo erläutert die Tradition des neapolitanischen „caffè sospeso“ wie folgt:

Wenn ein Neapolitaner aus irgendeinem Grund glücklich ist, bezahlt er nicht nur für einen Espresso, den er trinken würde, sondern für zwei, einen für sich selbst und einen für den Kunden, der als nächstes dran kommt. Es ist so, als würde man dem Rest der Welt einen Espresso spendieren.

Luciano De Crescenzo

Ich finde das eine wunderschöne Tradition und ich liebe die Neapolitaner für diese Idee der praktisch gelebten Nächstenliebe nochmehr, als ohnehin schon für ihre hervorragende Pizza. Hier in Deutschland ist dieser Brauch leider noch weitgehend unbekannt und wenn es nach mir geht, darf sich das durchaus ändern. Wie toll wäre es, wenn Cafés den „Caffè Sospeso“ auf ihre Karte setzen und sich die Idee weiter ausbreiten würde.

RANDOM ACTS OF KINDNESS

Noch eher bekannt sein dürfte ein ähliches, aber etwas weiter gefasstes Konzept, das nicht nur Bedürftigen sondern egal wem wohltuen möchte. Bekannt als „Random Act of Kindness“ – zufällige Akte der Freundlichkeit, die man völlig Unbekannten erweist: z.B. ein Post-it mit einem Kompliment unter den Scheibenwischer eines geparkten Autos klemmen oder ein U-Bahnticket für eine Einzelfahrt lösen und im Automaten liegen lassen.

Ich stelle mir einfach vor, wie krass ich mich freuen würde, wenn ich an einem viel zu grauen, viel zu deutschen Montagmorgen in einer Großstadt beim Bäcker einen Coffee to Go bestellen würde und mir die Verkäuferin lächelnd antworten würde: „Bitte sehr, den hat eben gerade schon eine Dame vor Ihnen für Sie bezahlt.“ Selbst ich, wo ich die Idee kenne, würde aus allen Wolken fallen und ganz sicher mit einen langanhaltenden Grinsen durch den weiteren Tag gehen. Und ich bin mir auch sicher, diese unerwartete Freude, die mir durch jemand Fremdes bereitet wurde, würde mich selbst anregen, Gutes für jemanden anderen an diesem Tag tun zu wollen. Die positive Energie würde sozusagen weiterfließen in irgendeiner Form. Und genau darum geht es. Verbundenheit, Wohlwollen, Nächstenliebe zum fließen bringen, in sich selbst und anderen.

DES MOCHMAH!

Zudem sind die Reaktionen des Verkaufspersonals beim Bestellen eines Kaffees „aber nicht für mich, sondern für denjenigen, der nach mir kommt und einen Kaffe trinken möchte“ jedesmal zu schön und heben meine Laune schon enorm. Einmal an der Bäckertheke im Supermarkt hat mich die Verkäuferin angeschaut, als hätte ich gerade gefragt, wo und wann genau hier im Markt die Rakete zum Jupitermond Europa startet. Hingegen der Verkäufer an meiner Lieblings-Tankstelle, (die ich unbedingt mal in einem eigenen Beitrag würdigen muss) war ganz aus dem Häuschen und meinte freudig strahlend auf breitem Bayrisch. „Jo des find ih jo suppa. Des mochmah!“