Was ist Wirklichkeit? Schlägt man einem Klassiker der Kommunikations-psychologie auf, dann heißt die Antwort: „Die Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation.“ So der erste Satz in Paul Watzlawicks Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Weiter im Vorwort führt der Autor aus, dass eine Vielzahl von Wirklichkeiten existiere, die z.T. komplett widersprüchlich sein könnten. Sie alle seien das Ergebnis von Kommunikation, nicht aber objektive Wahrheit. Daher sei der Glaube, dass die eigene Sicht DIE EINZIG WAHRE WIRKLICHKEIT sei, ein bedenklicher Wahn. Gefährlich werde es allerdings, wenn sich zu diesem Wahn eine messianische Berufung geselle. Mit dem beflissenen Ziel, all jene zu bekehren, die es sich „anmaßen“, nicht die einzig wahre Wirklichkeit, die man selbst erkannt hat, anzunehmen.

Parallelen zur heutigen Zeit piksen mir da nicht nur bei dem einen unvermeidbaren Thema ins Auge. In den letzten Jahren schon spritzte si- äh spitze sich ( Sorry Freud´scher Versprecher) eine Entwickung zu, dass es in immer mehr gesellschaftlichen Themenfeldern nur noch die eine richtige Gesinnung zu geben schien. Und wehe… you heute don´t trust science absolutely… dann uiuiui…
Ja es ist für mein Empfinden eine dunkle, beengte und armseelige Zeit, durch die wir gerade schreiten… Doch stop, Eva – um die kollektive Nachtmeerfahrt, die die Menschheitseele gerade absolviert, soll es heute ja nicht gehen. Vielmehr will ich heute (mal wieder etwas Science-Bashing betreiben und) an einem konkreten Beispiel die enge Verbindung von Kommunikation und Erzeugung von Wirklichkeit aufzeigen, die Watzlawick in den späten 70ern erkannte.

Publikation Bias – Verzerrte Studien-Wirklichkeit

Publikations Bias ein Wort, das ich heute zu ersten Mal gelesen habe. Man könnte stattdessen auch eingedeutscht von Publikationsverzerrung sprechen und schon lichtet sich der Wortnebel ein wenig. Eine solche Verzerrung kann entstehen, wenn in wissenschaftlichen Journalen bevorzugt Studien mit „positiven“ bzw. „signifikanten“ Ergebnissen veröffentlicht werden, bzw. Forscher ihre nicht signifikanten Studien-Ergebnisse gar nicht erst zur Veröffentlichung einreichen. Es wird also selektiv kommuniziert und je nach Auswahl entsteht eine bestimmte Wirklichkeit, so würde ich jetzt Watzlawick übertragen. Auch Interessenskonflikte können die Studien-Wirklichkeit verzerren, wenn z.B. Pharmakonzerne – die ein berechtigtes wirtschaftliches Interesse an den von ihnen entwickelten Produkten haben – selbst die Wirksamkeitsstudien dazu durchführen und dabei Studien mit unerfreulichen Ergebnissen zum Medikamentennutzen oder über Nebenwirkungen unter den Tisch fallen lassen. Wie bespielsweise in dem Fall von Pfizer, von dem ich euch nun erzählen möchte.

Das Märchen vom Riesen Pfizer und Endorax

Es war einmal vor langer Zeit, im Jahr 2009, als Journalisten in Deuschland ihre Arbeit noch gut machten und DER SPIEGEL tatsächlich noch kein komplettes Käseblatt war, so wie er es heute ist. Zu jeder Zeit begab sich, dass jener SPIEGEL sich mit einem mächtigen Riesen anlegte, indem er über dessen finstere Machenschaften berichtete. Der Pharma-Riese, namens Pfizer, hatte nämlich einen Großteil der Studien zurückgehalten, deren Ergebnisse ihm bei der Vermarktung seines Anti-Depressivums Endorax nicht ins Marketing-Konzept passten. Ein britischer Wächter kam im Kampf gegen den mächtigen Riesen zu Hilfe und berichtete ebenfalls über dessen linkische Tour. So sei eine im Fachmagazin British Medical Journal veröffentlichte Studie zu dem vernichtenden Urteil gekommen, dass Endorax ineffektiv und potenziell schädlich sei. Die von Pfizer veröffentlichten Studien hätten jedoch ein positives Bild des Medikamenten-Nutzens gezeichnet. Erst die weiteren unveröffentlichten Studien, führten zu dem negativen Gesamtbild: dass es sich bestenfalls um ein Placebo handele, das schlimmstenfalls sogar den Patienten schade. In Deutschland war das Medikament 12 Jahre zuvor zur Behandlung von Depressionen zugelassen.
Dann ging Zeit ins Land und die Medien berichteten über andere wichtige und vor allem, viele sehr sehr unwichtige Dinge. Der Nachrichtenstrom floss unaufhörlich mit jedem Jahr schneller, und die Menschen, die an seinem Ufer siedelten, hatten ganz andere Sorgen bzw. rege Konsumwünsche. So vergass man die Machenschaften des Pharmariesen bald wieder. Wie man zuvor schon vergessen hatte, dass der Gigant bereits einmal bestraft worden war. „2,3 Millionen Dollar musste Pfizer 2009 in den USA wegen unsauberer Marketingpraktiken zahlen. Das war die höchste Summe, die bisher ein Pharmakonzern bei solchen Verfahren aufbringen musste“, schrieb das Handelsblatt.
Und heute 2021? Heute geht es dem Arzneimittel-Riesen ausgenzeichnet. Er ist stärker als je zuvor, auch dank seines Bündnisses mit einem anderen Mächtigen, von dem man munkelt, er wohne an einer Goldgrube… Und da „Die Wissenschaft“ aktuell total mega-angesagt ist, ein regelrechter Science-Hype durch das Land zieht, dass sogar die pandämliche Influencer-Plage auf Istagram #TrustScience aus jedem zweiten überflüssigen Posting plärrt, und „Die Wissenschaft“ bequemerweise die einzig absolute Wirklichkeit für uns alle definiert und Paul Watzlawick sowieso schon seit 2007 im Jenseits rotiert, dürfte es ersteinmal so bleiben, dass niemand mehr die finsteren Marketing-Machenschaften der mächtigen Arzneimittel-Riesen aufdeckt und die Wirklichkeit, die sie schaffen, anzweifelt. Und man will ja schließlich auch nicht immer so unangenehm auffallen mit seiner Ver-Zweifelung.

Doch es gibt Hoffnung. Es mehren sich Gerüchte im Lande, dass Hilfe naht…

Ja es stimmt. Die Libellen haben angefangen Watzlawick zu lesen. Sogar während der Paarung führen sie sich die Gedanken des berühmten Kommunikationsforschers zu Gemüte. Und es heißt: Die schimmernden Luftwesen werden ihr Wissen schon bald für die Menschen einsetzen und ihnen zur Hilfe eilen, um sie aus den Fängen der allgegenwärtigen Verzerrung zu befreien.