Meine zugegeben nicht ganz dystopiefreie Gegenwarts-Diagnose sowie Zukunftprognose. Aber ich finde in der längsten Nacht des Jahres kann man endlich auch mal ganz ungeniert die dunklen Themen anschneiden. Wie beispielsweise die Frage, ob eine menschenwürdiges Leben in unserer heutigen Gesellschaft noch möglich ist.

Wer nach diesem Beitrag extrem down oder auch nur leicht beunruhigt sein sollte, dem sei zur Linderung seiner Beschwerden folgendes empfohlen. Zunächst gilt: Keine Panik. Dann 2 x täglich für mindestes drei Tage Gurkitier morgens und abends auditiv einnehmen. Zusätzlich empfielt sich das Betrachten einer Gurkitier-Darstellung. Abwechselnd mit dem linken, dann mit den rechten Auge usw. und das ganze so lange, bis einen jemand sichtlich fassungslos fragt, was man da gerade mache… Das synchronisiert die beiden Gehirnhälften und stärkt Eigen- und Frohsinn, was nie verkehrt sein kann. Optimal wäre, wenn die Gurkitierdarstellung etwa die doppelte Größe eines Glas GT 1700 Coupé aufweisen würde. Aber für den Erfolg der Methode funktionieren auch unwesentlich kleinere, sowie wesentlich größere Abbildungen ausgezeichnet.

Die Gurkitier-Methode oder auch G-Tierapie ist von Dr. Moprheus Ludwig Brain entwickelt, geprüft und empirisch legt. Sie hilft bei fast allem gegen fast alles. Bild: Netzfund


Menschliches, Allzumaschinliches

Wie kann man in der heutigen Zeit ein erfülltes und menschenwürdiges Leben führen? Geht das überhaupt noch? Das sind Fragen, die mich aktuell umtreiben und mir ab morgen immerhin – Wintersonnenwende sei Dank – wieder kürzere schlaflose Nächte bereiten.

Wir leben in einer Epoche, in der das Menschliche zusehends verkümmert und durch das Maschinliche ersetzt wird. Immer mehr umgeben wir uns mit Apparaten, die uns „das Leben erleichtern“, uns „Zeit sparen“ oder uns einfach „ablenken“. Und wir haben uns an diesen Zustand gewöhnt, sowie an die Tatsache, dass wir in eine Abhängigkeit von diesen technischen Errungenschaften geraten sind. Ich nehme mich da nicht aus.

Auch wir selbst werden immer maschinenhafter oder sollen es zumindest bald werden. Aktuell ist der technische Fortschritt soweit, dass der Mensch selbst nun (endlich!) sein mangelhaftes Menschsein überwinden und maschinlicher werden soll. Zumindest in den feucht-kalten Träumen der transhumanistischen Ideologen, die vermutlich schon lange von elektrischen Schafen träumen – wenn sie nicht gerade Visionen von Nietzsches Übermenschen haben: Der Mensch als perfekter Bio-Computer. Regelmäßig geupdatet, programmiert und damit optimiert in seiner Funktionalität und seinem Nutzen für das Kollektiv.

Ich vermute ja eher, Nietzsche bekäme (so wie ich) erst Schnappatmung und dann das kalte Kotzen bei dieser Agenda und würde die Fehlinterpretation seiner Übermensch- Idee sprachgewaltig und wortbildschön in Grund und Boden stampfen. Davor würde er zweimal um den See in Sils Maria gelaufen sein und anschließend bemerkt haben, dass seine Dauer-Migräne verschwunden ist! Euphorisch wäre er sogleich in sein Pensions-Zimmer in der Via da Marias geeilt. Bis um vier in der Nacht hätte er an einer neuen philosophischen Schrift mit dem Titel Menschliches, Allzumaschinliches geschrieben. Am nächsten Morgen wären die Kopfschmerzen zurück, schlimmer denn je.

Nun, ich habe Menschliches, Allzumaschinliches nicht gelesen und kann deshalb hier jetzt nicht besonders schlagkräftig argumentieren oder daraus zitieren. Das macht aber nichts, denn zum einen hat auch niemand sonst dieses Werk aufgrund seiner materiellen Nichtexistenz gelesen. Zum anderen möchte auch zum Punkt meiner aktuellen Diagnose und Aussicht kommen.

Die Technik wird uns nicht retten

Wir befinden uns auf einem falschen Weg, wenn wir glauben, dass all die Apparate und Maschinen in unserem Alltag, an die wir uns gewöhnt haben, unser Leben lebenswert und erfüllt machen. Wir haben zuviel davon, überall um uns herum. Wir sind zu abhängig geworden und sollen, wenn es nach einigen kaltblütigen Ideologen geht, noch abhängiger werden. Aber der technische Fortschritt allein wird uns nicht retten, erlösen oder zu besseren Menschen machen. Es ist ein fataler Irrweg, wenn wir diesem Fortschrittsglauben weiter blind folgen. Wir sind zu weit fort geschritten von uns selbst. Innere Leere und Sinnlosigkeit und eine Degeneration seelischer Qualität sind der Preis den wir zunehmend zahlen. Die aktuelle technische Entwicklung kann uns ein langes und ausgefülltes, aber kein erfülltes Leben ermöglichen. Das können nur wir selbst, doch dazu müssten wir beginnen uns wieder der Innenseite der Welt zuzuwenden, wie es der Naturphilosoph Jochen Kirchhoff so schön ausdrückt z.B. in diese Vortrag.

Längst schon haben wir einen Punkt überschritten, an dem die technischen Errungenschaften beginnen, sich gegen unser Menschsein wenden – unsere Seelen angreifen, unsere Würde zersetzen, unser Bewusstsein lähmen. Nicht weil die Technik ans sich „böse“ ist oder das irgendwie aktiv täte. Nein. Wir sind schwach gewesen. Wir haben keine Grenze gesetzt. Wir haben alles einfach – zugelassen. Aus Bequemlichkeit, Verdrängung und naivem Glauben heraus an die Erlösungsversprechen durch die Technik. Wie kommen wir da wieder raus?

Nein zum Falschen sagen

Ich glaube, um ein menschenwürdiges, erfülltes Leben zu leben, müssen wir wieder anfangen klare Grenzen zu setzen. „Nein“ ist ein wichtiges Wort in den nächsten Monaten und Jahren. Vielleicht das wichtigste. Nein zu den Verheißungen und Verführungen der Apparate um uns. Nein zu falschen Entwicklungen. Nein, wenn etwas im Außen komplett gegen die eigene innere Wahrnehmung geht, also Nein zu Manipulation und Ideologien jeder Art. Nein zu Übergriffen physischer oder psychischer Art. Für ein erfülltes und würdevolles Leben braucht es ein klares und aufrechtes Nein zum Falschen. Und falsch ist das was, sich für jeden Menschen sujektiv innerlich falsch anfühlt. Das ist individuell und kann nur von jedem selbst erspürt werden. Ich bin sicher, dass diesem konsequenten Nein ein tiefes Ja zum echten Lebendigen folgen wird. Diesen Mut zu unserem individuell errungenen Nein brauchen wir aber nicht nur für ein menschenwürdiges Leben, sondern auch für ein menschenwürdiges Sterben.

Die Art wie der Prozess des Sterbens und der Tod in unserer Gesellschaft behandelt wird, zeigt, wie kümmerlich wir uns in den letzten 100 Jahren trotz allen technischen Fortschritts auf der geistig-seelischen Ebene entwickelt haben. Wir verdrängen das Thema Tod und Sterben nach Leibeskräften, wollen davon nichts mitbekommen. Die aktuelle Krise zeigt, dass viele Menschen es geradezu als Kränkung empfinden, dass das Leben enden kann. Es fehlt jegliche Demut. Vor dem Leben und dem Sterben. Wir haben uns als Kollektiv– auch gestärkt durch den medizinisch-technischen Fortschritt und den Glauben an den Götzen Die Wissenschaft – zu einer hochmütigen Hybris aufgeschwungen. Wir können den Tod besiegen! Zumindest das Leben immer weiter verlängern! Auch dank unserer tollen Apparate, unserer tollen Apparatemedizin und immer neuer Medikamente. Dabei haben wir allein die Quantität im Blick, die gewonnenen Jahre an Lebenszeit, aber die Qualität dieser Lebenszeit längst aus den Augen verlorern.

Dier Tiefpunkt ist mit der jetzigen Krise und deren „Bewältigungsstrategie“ erreicht. Das Lebendige und damit der Einzelne soll – auch durch die Segen der modernen Gen-Technik – noch stärker normiert, verwaltet und kontrolliert werden, um, und das ist das Absurde daran, „das Leben zu schützen“. Aber was für ein Leben soll da eigentlich geschützt werden? Ist das noch Leben, also ein dem Menschen würdiges? Oder ist das nur noch ein nacktes Aufrechterhalten der Stoffwechselfunktionen, also ein Überleben auf niedrigster Ebene?

Die moderne ApparatemedizinSegen und Fluch

Ohne Zweifel ist der medizinische Fortschritt der letzen 50 bis 60 Jahre für viele Menschen ein Segen. Allein was die Unfallchirurgie leistet, ist immer wieder übermenschlich und natürlich gibt es Menschen die mit Leib und Seele den Arztberuf ausführen und hervorragende Arbeit zum Wohle des Patienten machen. Aber es gibt auch die andere Seite.

Eine inzwischen aus dem Ruder gelaufene Apparatemedizin, die immer öfter einen würdevollen menschlichen Sterbeprozess nicht zulässt, auch weil unser „Krankheitssystem“ solches Vorgehen belohnt. Es ist erschütternd zu hören, wie Sterbende und deren Angehörige leiden, wenn Krankenhäuser aus wirtschaftlichem Eigeninnutz die Apparate nicht abstellen, um die Fallpauschale der Beatmungsstunden für Intensivpatienten voll auszuschöpfen. Nachzuhören hier in einem Radio Feature auf BR2 mit dem Titel Übertherapie am Lebensende – Ein Feature über den Umgang mit Sterbenskranken oder auch hier in diesem Artikel der Rheinischen Post von Januar 2020. Der Satz, dass in Deutschland immer mehr alte Menschen an Apparaten sterben hat mich tief erschüttert und war der Anlass meiner Gedanken darüber, welche Rolle Apparate in unserem Leben (und Sterben) spielen. Für mich heisst ein ToDo zwischen den Jahren daher Patientenverfügung machen.

Obwohl die meisten Menschen in Befragungen angeben, dass sie am liebsten daheim in Ruhe ihr Leben beschließen möchten, sterben in Deutschland immer mehr alte Menschen an Apparaten. Laut einer Studie, für die Krankenhausstatistiken von 2007 und 2015 ausgewertet wurden, stieg die Zahl von Menschen über 65 Jahren, die vor ihrem Tod noch auf einer Intensivstation behandelt wurden, dreimal schneller als die Zahl von Krankenhaustodesfällen insgesamt. Bei Patienten über 85 Jahren war der Anstieg etwa doppelt so hoch.

Dorothee Krings, Journalistin Rheinische Post

Abschließend hier noch ein empfehlenswerter Vortrag von Jochen Kirchhoff zum aktuelle Hypertechnizismus, den er aufgrund seines quasireligiösen Erlösungsversprechens im Begriff des megatechnischen Pharao zu fassen versucht. Ich mag Kirchhoff sehr, weil er bei aller Deutlichkeit in der Benennung aktueller Fehlentwicklungen nicht resigniert, sondern in der Zuversicht bleibt, dass der Mensch nicht veloren ist, egal wie dunkel es anscheinend gerade um sein Bewusstsein stehen mag.

In diesem Sinne: Happy Wintersonnenwende! Wilkommen zurück Licht. Ich geh jetzt mal Gurki-Tier-Darstellungen anstarren.