Wummmmms! Nordstream 1 und 2 gesprengt von Montag auf Dienstag Nacht. Mein Bauch nuschelt mir zu, das war der Auftakt, jetzt geht es wieder los, nur auf einem anderen Level. Und weiter flüstert er, dass Herbst und Winter noch ungemütlicher werden könnten als die letzten beiden Jahre – es sei denn, man wappnet sich jetzt seelisch und mental gegen das, was im Außen an Fahrt auf nimmt und auf uns zukommen wird.

Feel you König Theodin – auch den Frizz morgen, falls du die Nacht überleben wirst

Was sicher niemand komplett bestreiten kann: Man fühlt sich fast chronisch wie König Theodin, der im nächtlichen Regen stehend die dunkle Armee Saurons vor Helms Klamm erwartet. Nach zwei Jahren im permanenten Alarmzustand durch Corona und/oder die Maßnahmen dagegen sind die Menschen erschöpft. Und kaum ist es mit diesem Wahnsinn vorbei, geht es auch schon nahtlos weiter mit den äußeren Stressoren: Kriegsgefahr, Inflation, Blackoutgefahr, Versorgungsengpässe jetzt der Wummmms in der Ostsee, der mit Sicherheit eine weitere Eskalation nach sich ziehen wird. So it begins also again…

Es ist daher wichtig zu verstehen, wie Stress auf unser Nervensystem wirkt, warum er in langanhaltender Form besonders schädlich ist und warum es daher jetzt ungemein wichtig ist, die eigene Festung (Körper, Seele, Geist) vor der erneut am Horizont aufziehenden Dunkelheit zu verteidigen.


Die Polyvagaltheorie – Auf der Suche nach Sicherheit

Hier kommt die Polyvagaltheorie von Stephen W. Porges ins Spiel, welche die Auswirkungen von dauerhaftem Stress auf das menschliche Nervensystem und die daraus entstehenden Folgen für unser Vehalten beschreibt. Porges Erkenntnisse erhalten durch die jüngste Traumatherapie-Forschung zunehmend Aufmerksamkeit, sowie Bestätigung in ihren Aussagen. Im Kern sagt sie folgendes:

Wir Menschen sind (auch) Säugetiere und als solche fortwährend auf der Suche nach einem Zustand von Sicherheit. Diese Sicherheit brauchen wir, um als soziale, bindungsorientierte Wesen vollumfänglich zu funktionieren. Sie kann aber nicht mental durch Denken erzeugt werden – vielmehr ist es unser Körper, genauer gesagt unser autonomes Nervensystem (ANS), das via Neurozeption unbewusst permanent die Umgebung nach Gefahren abscannt, und sich, wenn es keine Bedrohung registriert, sicher fühlt und entspannen kann. Die Konsequenz dieses Gefühls von Sicherheit ist, dass wir vollen Zugriff auf sämtliche Bereiche unserses Gehirns haben, z.B. auf den Bereich des Porges als social engagement system bezeichnet. Dieser ist dafür zuständig dass wir Lust haben, auf andere zuzugehen, in Kontakt mit der Welt zu sein und als soziale Wesen miteinander in Beziehung treten. Einzig in diesem Zustand von Sicherheit im ANS können wir andere Menschen als Bereicherung erfahren, fühlen uns wohl und sicher in der Welt und haben Kraft und Willen unser Leben zu gestalten. Auch unser logisches Denken funktioniert nur, wenn sich unser Körper in diesen neurobiologischen Sinne sicher fühlt.
Anders jedoch, wenn unser ANS beim Absscannen der Umgebung eine Gefahr oder (Lebens-)Bedrohung registriert. Dann schaltet es automatisch in einen entwicklungsgeschichtlich älteren Teil des Nervensystems, den wir mit den Reptilien gemein haben. Das bedeutet, höhere Hirnfunktionen, wie das social engagement system oder auch der Teil, der für logisches Denken zuständig ist, gehen offline. Angst und Überlebensstress verhindern den Zugriff auf jüngere Teile unseres Gehirns und schränken damit unseren Verhaltensspielraum stark ein. Es bleiben dem Organismus nun drei niedere, im Sinne von instinktiven, automatisch ablaufenden Reaktionsmöglichkeiten: Kampf, Flucht oder Erstarren/Totstellreflex. Unser Stammhirn übernimmt. Und das ist entwicklungsbiologisch durchaus sinnvoll.

Um es an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen: Stell dir vor, du sitzt in einem Bochumer Kaffeehaus und bist gerade total enspannt dabei, die Riemannsche Vermutung zu beweisen, plötzlich bricht Tom Cruise in einem Tesla durch die Glasfront und rast mit 99 mp/h auf deinen Tisch zu. In diesem Moment wirst du sicher nicht weiter seelenruhig komplexe mathematische Gleichungen durchdenken, sondern instinktiv flüchten, denn kämpfen oder erstarren macht in diesem Fall keinen Sinn. Das alles entscheidet dein ANS per Neurozeption innerhalb von Sekundenbruchteilen und rettet dir damit das Leben. Ein anderes Beispiel aus der Tierwelt: Der Tiger springt auf die Antilope zu und erwischt sie. Sie kann nicht mehr flüchten, aber sie kann sich sich totstellen. Dann besteht die Chance, dass der Angreifer das Interesse verliert, ablässt und das Opfer eventuell überlebt. Anderes Beispiel, du gehst nachts nach Hause und hörst hinter dir Schritte, die zu rasch näher kommen und plötzlich spürst du eine Hand an deine Kehle. Vielleicht erstarrst du kurz, doch dann schreist du aus Leibeskräften, wehrst dich körperlich und schlägst den Angreifer durch deine vielleicht unerwartet aggressive Reaktion in die Flucht.

Fight, Flight, Freeze – etwas anderes kennt unser autonomes Säugetiernervensystem in einem Zustand von akuter Bedrohung nicht. Entwicklungsgeschichtlich ein Erfolgsrezept, weil es im Zweifelsfall das Überleben des Organismus rettet. Sobald die Bedrohung vorüber ist, kehrt das System wieder in den natürlichen Zustand von Entspannung, Wohlbefinden uns Sicherheit zurück, löst komplexere Probleme, verbindet sich mit anderen Menschen und alles ist gut. Die verschiedenen Reaktionen entsprechen unterschiedlichen Zweigen des Vagusnervs – daher auch der Name: Polyvagaltheorie. Neben dem lesenswerten Buch von Porges selbst, gibt es im Internet immer wieder gute Zusammenfassugen seiner Theorie, z.B. hier.

Das Problem derzeit: Dauerhafter Stress und Ohnmachtsgefühle

Das Problem, das wir dezeit haben, ist, dass sich unser Organismus durch die permanente Beschallung mit Negativmeldungen in einer diffusen Dauerbedrohung befindet immer weniger in einen Zustand von Sicherheit und Entspannung zurückfinden kann.
Jeder fühle hier einfach mal selbst in sich hinein, inwiefern das eventuell zutrifft oder denke einmal daran zurück, welcher Grad an innerer Entspannung möglich ist, wenn man mehrmals täglich über einen langen Zeitraum daran erinnert wird, dass andere Menscheneine Bedrohung sind. Man muss sich das wirklich mal bewusst machen: Wir befinden uns seit über zwei Jahren auf Nervensystemebene permanent im Überlebenskampf. Zwar springt uns kein Tiger an, aber die Wirkung des Trommelfeuers an Negativnachrichten, medialem Angstporno und die und teils sehr realen Existenzängste vieler Menschen sind keineswegs weniger bedrohlich, zumindest für unser entwicklungsgeschichtlich so und nicht anders geprägtes Nervensystem.

Vor der Pandemie konnten wir nicht flüchten, das Virus und die Maßnahmen waren überall. Kämpfen war auch keine Option. Gegen wen? Erstarren war es, was wohl die meisten gespürt haben dürften. Hilflosigkeit, ein sich ausgeliefert fühlen gegenüber den äusseren Umständen und höheren Mächten, das Gefühl keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben, vielleicht eine stille gelähmte Wut, Ohnmacht.

Unser autonomes Nervensystem war entwicklungsbiologisch niemals dafür ausgelegt, sich dauerhaft in einem alamierten Zustand von Stress und (Todes-)Angst aufzuhalten. Kurzzeitige Bedrohungen können wir gut verkraften und uns danach auch wieder entspannen. Doch wenn eine Gefahr über sehr lange Zeit anhält und wir nicht aus ihr herauskommen oder weil schon wieder die nächste Bedrohung (Klimawandel, Krieg, der Russe, Inflation, Blackout) vor der Tür steht, dann kann das zu dauerhaften Verzerrungen in unserem Nervensystem führen – und das ist tragisch. Wir verlieren dann nicht nur Zugang zu unseren höheren Hirnfunktionen, wir verlieren auch unsere Fähigkeit glücklich zu sein, da wir unser volles menschliches Potential nicht ausschöpfen können, das vor allem in gelingenden Beziehungen zu anderen Menschen liegt.

Warum das Wissen über die Bedeutung von Sicherheit für unser Nervensystem jetzt so hilfreich ist

Mir hat es in letzter Zeit sehr geholfen, über diese Zusammenhänge des Nervensystems zu erfahren. Der Blick durch die Brille der Polyvagaltheorie hat mich nachsichtiger mit mir selbst und meinen Mitmenschen gemacht und ich hoffe, dass dieses Wissen vielleicht auch anderen helfen kann, besser durch diese wirklich herausfordernde Zeit zu kommen. Menschen, die vielleicht gerade akut in Angst- oder Erstarrungsreaktionen festhängen und sich Umständen hilflos ausgeliefert fühlen. E kann alleine schon helfen, sich bewusst zu machen, dass es zwar biologisch sinnvolle Programme sind, die gerade ablaufen, dass man ihnen aber nicht ausgeliefert sein mus. Dass es immer Handlungsspielraum gibt, das eigene Leben und das seiner Mitmenschen ein klein wenig angenehmer, statt meist (unbewusst) noch ein klein wenig unangenehmer zu gestalten. Doch dafür ist es notwendig, dass erst einmal der eigene Organismus aus den niederen neuronalen Zuständen von Kampf, Flucht oder Erstarrung und Dissoziation herausfindet oder am besten, gar nicht erst in diese hinein gerät. Mir hilft es, immer besser wahrnehmen zu können, wann mein System in solch einen kritischen Bereich gelangt und zu wissen, dass ich etwas dagegen unternehmen kann – z.B. noch viel viel weniger tagesaktuelle Nachrichten verfolgen, stattdessen rausgehen in die Natur, mich bewegen, den Herbst im Wald genießen (was für eine geile Pilzsaison ist das dieses Jahr bitte?!) und mich mit Menschen umgeben, die mir gut tun, weil sie meinem ANS ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Trotz aller Bestürzung über die jüngsten Ereignisse im Außen, schaue ich daher auch mit Zuversicht nach vorne. So it begins … sollen sie halt kommen die depperten Orks und Urukay mit ihrem blöden Dunkelkram und ihrem Angstporn. Es ist wohl notwendig jetzt für die Dramaturgie der Geschichte, aber es wird einen neuen Morgen geben. Und bis dahin heißt es jetzt, durchhalten und immer wieder für Sicherheit im eigenen ANS sorgen. Dann wird das schon.